top of page
Unsere Blog Artikel nach Veröffentlichung wöchentlich per E-Mail erhalten: 

Vielen Dank!

  • AutorenbildEthius Invest

Glyphosat-Fluch holt die Bayer AG erneut ein

Aktualisiert: 8. Jan.

Die 2018 abgeschlossene Übernahme des Agrochemie- und Biotechnologie-Unternehmens Monsanto durch die Bayer AG sorgte bereits damals für viel Kritik – und in der Folge immer wieder für sinkende Börsenkurse. Das Kernproblem, nämlich für Mensch, Umwelt und Investierende schädliche Geschäftssparten, besteht unvermindert fort. Mit dem Titel Chronik eines Desasters überschrieb die Süddeutsche Zeitung 2019 einen Artikel, der die Ereignisse auflistet, die im Zusammenhang mit der Übernahme des für Negativ-Schlagzeilen berüchtigten Unternehmens Monsanto durch die Bayer AG wichtig sind. Für das Lieblingsprojekt von Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender des Agrochemie-Riesens von 2016 bis Mitte 2023, räumte zunächst dessen Vorgänger seinen Platz – und letztlich auch er selbst. Doch der Reihenfolge nach: Nachdem der Chemiker Marijn E. Dekkers, seit 2010 Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, 2016 vorzeitig seinen Hut nahm, weil er die Pläne zum Monsanto-Deal ablehnte, war der Weg freigeräumt: Sein Nachfolger Werner Baumann und der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning, beide Finanzexperten, schritten nunmehr ungehindert zur Tat und brachten den Kauf 2018 erfolgreich über die Bühne. Dieser ging mit der stolzen Summe von 63 Milliarden US-Dollar als die teuerste Übernahme eines deutschen Konzerns in die Geschichte ein. Und sie sollte im weiteren Verlauf noch deutlich teurer werden. Erste Glyphosat-Klagen Bereits 2018, im Übernahme-Jahr, erhoben einige hundert Menschen, beispielweise Gärtner oder Bauern, Klage gegen das von Monsanto auf den Markt gebrachte Herbizid Roundup, dessen zentraler Wirkstoff Glyphosat ist (siehe Kasten). Der Vorwurf: Das Unkrautbekämpfungsmittel soll krebserregend sein. Ein erster Kläger erhielt bald darauf recht. Weitere Prozesse folgten. Im März 2019 fiel in einem Massenverfahren ein Entscheid zu Ungunsten der Bayer AG. Infolgedessen erreichte der Aktienkurs mit einem Wert von 56,29 Euro einen vorläufigen Tiefpunkt. Die Bayer AG bezifferte im darauffolgenden April die Anzahl der Klagen wegen Glyphosats auf 13.400. Im gleichen Monat stimmte die Hauptversammlung gegen die Entlastung des Vorstands – ein beispielloser Eklat. Parallel machte das Unternehmen mit Plänen zum Abbau von Stellen und einem PR-Skandal mit Glyphosat-Bezug Schlagzeilen.

Quellen: u.a. Pestizid-Atlas 2022, Seite 32

Bereits im Mai 2019 verlor die Bayer AG einen nächsten Prozess. Mit weiteren Klagenden wurden 2020 Vergleiche im Gegenwert von bis zu 10,9 Milliarden US-Dollar erzielt – ohne ein Schuldeingeständnis von Seiten des Konzerns. Doch seitdem ist, auch wenn die Bayer AG dem Glyphosat-Debakel mithilfe eines Fünf-Punkte-Plans Herr zu werden versucht, keine Ruhe eingekehrt. Erst kürzlich machte der Agrochemie-Konzern mit einem erneuten massiven Kurseinbruch von sich reden. Am 29. November 2023 sank der Wert je Aktie auf ein Rekordtief von 30,22 Euro. Als Grund für die Talfahrt gelten neben dem zumindest vorläufigen Aus für einen vormals hohe Umsätze versprechenden Gerinnungshemmer  unter anderem fortdauernde Klagen zu Glyphosat. 50.000 Klagen sollen noch anhängig sein Denn im November 2023 musste die Bayer AG, nachdem zunächst neun Prozesse in ihrem Sinne entschieden wurden, die vierte Niederlage in Folge in US-amerikanischen Glyphosat-Verfahren einstecken. Gegen das Unternehmen sollen bislang insgesamt rund 165.000 Klagen wegen Gesundheitsschäden durch den Wirkstoff des Unkrautvernichtungsmittels Roundup erhoben worden sein. Trotz der Vergleiche im Jahr 2020 sollen jedoch noch 50.000 Klagen anhängig sein. Zudem werben US-amerikanische Rechtskanzleien via Fernsehspots offensiv um neue Klagewillige. Glyphosat dürfte daher im Agrochemie-Konzern bei so manchem als Reizwort wirken. Der Architekt der Monsanto-Übernahme zumindest, Werner Baumann, musste wegen des Debakels vorzeitig seinen Posten als Vorstandsvorsitzender räumen. Sein Nachfolger, der US-amerikanische Chemieingenieur Bill Anderson, trat die Nachfolge im Juni 2023 an. Auf ihm lasten hohe Erwartungen. Zu einen seiner größten Herausforderungen zählt, die Bayer AG aus der wesentlich durch Glyphosat und die Monsanto-Übernahme mitverursachten Schielflage herauszuholen. Glyphosat in der EU für weitere zehn Jahre zugelassen Glyphosat beschäftigt nicht nur die Bayer AG und US-amerikanische Gericht, sondern immer wieder auch die Politik. Erst kürzlich musste die EU-Kommission in dieser Sache eine Entscheidung fällen, weil zuvor ein Berufungsausschuss keine einheitliche Position fand. Sie gab letztlich grünes Licht, Glyphosat in der EU für weitere zehn Jahre zuzulassen. Die Erlaubnis wäre andernfalls im Dezember 2023 ausgelaufen. Grundlage für die Neuzulassung war eine Untersuchung der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa. Sie sah keine kritischen Problembereiche von Glyphosat, verwies jedoch auf Datenlücken und nicht abschließend zu klärende Fragen. Neben Gesundheitsgefahren – immerhin stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation Glyphosat im März 2015 als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen ein – soll das Herbizid beispielsweise laut Umweltorganisationen auch massive Umweltprobleme hervorrufen. Gefährdung der Artenvielfalt und Umweltbelastungen So birgt Glyphosat dem BUND zufolge neben vielfältigen über Krebs hinausgehenden Gesundheitsrisiken für den Menschen Gefahren für Grundwasser, Flüsse, Seen, Böden und die Luft. Darüber hinaus gefährde es die Artenvielfalt, weil es Nützlinge wie Insekten, Spinnen, Amphibien und Bodenlebewesen schädige und Gift für Wasserorganismen sei. Der BUND möchte daher – wie viele andere Umweltorganisationen – Glyphosat stoppen und plädiert stattdessen für einen Öko-Landbau, in dem Unkräuter mit Striegel und Hacke entfernt und mit vielfältigen Fruchtfolgen, Zwischenfrüchten, Untersaaten und Mischkulturen in Schach gehalten werden.



Tatsächlich würde eine Welt ohne Glyphosat in der Konsequenz eine andere – nämlich eine ökologische – Landwirtschaft erfordern. Dies wäre ganz im Sinne des EU Green Deal und seiner Strategien für Biodiversität und Nachhaltigkeit von Lebensmitteln (Vom Hof auf dem Tisch – siehe Textkasten), nach denen mindestens 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in der EU bis 2030 ökologisch bzw. biologisch bewirtschaftet werden sollen. Die ökologische Landwirtschaft kann dabei nur ohne, die konventionelle Landwirtschaft in der aktuellen Form dagegen tendenziell nur mit Wirkstoffen wie Glyphosat funktionieren. So liest sich zumindest ein Beitrag der FAZ. Nach diesem wird aktuell etwa ein Drittel der in Deutschland landwirtschaftlich genutzten Fläche mit Glyphosat besprüht, was der doppelten Fläche des Bundeslands Hessen entspricht.


Glyphosat als Teil des Systems


Bäuerinnen und Bauern verwenden Glyphosat hierzulande entweder nach der Ernte, um einen Wiederaufwuchs der abgeernteten Kultur, wie z.B. Raps, zu verhindern und um Unkräuter zu unterdrücken. Oder sie versprühen in manchen Fällen Glyphosat vor der Ernte, um durch die sogenannte Totreife einen einheitlichen Erntezeitpunkt zu ermöglichen. Oft aber wird mit der sogenannten pfluglosen Bearbeitung für den Einsatz von Glyphosat argumentiert: statt Unkräuter oder Zwischenfrüchte mit dem Pflug umzubrechen, kann man diese mit dem Totalherbizid abtöten und spare somit Diesel und vermindere Bodenerosion, was weiterhin den CO2-Ausstoss mindern würde.  Nicht beachtet wird hierbei, dass Glyphosat auch das Bodenleben schädigt – und hierdurch die Erosion begünstigt.

Glyphosat ist nach dieser Lesart als Teil eines Systems anzusehen – in Deutschland, Europa und vor allem weltweit. Denn auf anderen Kontinenten, etwa in Nord- und Südamerika, kann das Herbizid wegen lockerer Bestimmungen zur grünen Gentechnik das ganze Jahr über eingesetzt werden. Die Nutzpflanzen, etwa Soja, sind dort resistent gegen Glyphosat. Die Gentechnik – ein weiteres Geschäftsfeld der Bayer AG – macht’s möglich. Dabei treibt das Spiel eines zunehmenden Einsatzes von Herbiziden auf der einen und gentechnisch wehrhaft gemachten Nutzpflanzen auf der anderen Seite mittlerweile ganz real die sprichwörtlichen Blüten: Denn auch die Anzahl Glyphosat-resistenter Unkräuter steigt immer weiter an (siehe Grafik [1]). Zweifache Geschäftschancen Gentechnisch verändertes Saatgut und Herbizide mit Glyphosat-Charakter sind also zwei Seiten einer Medaille. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sich Agrochemie-Riesen wie die Bayer AG zurücklehnen könnten – ganz im Gegenteil. Denn die Gewinne aus der einst einträglichen Geschäftssparte fährt mittlerweile die Konkurrenz aus Indien und China mit Nachahmerprodukten ein, weil der Patenschutz abgelaufen ist. Längst jedoch arbeitet die Bayer AG an einem neuen Herbizid, das Glyphosat künftig zumindest bei Weizen, Mais, Soja und Wein teilweise oder vollständig ersetzen könnte. Das neue Mittel soll die Zellteilung und die Produktion von Zellulose verhindern helfen – und somit filigraner vorgehen als aktuell die Glyphosat-Keule. Jährliche Umsatzpotenziale werden auf 750 Millionen Euro geschätzt und der Markteintritt für 2028 erwartet. Neue Entwicklungen bei grüner Gentechnik Auch die grüne Gentechnik selbst zeigt sich zunehmend eleganter. Mit neuen genomischen Verfahren wie der sogenannten Genschere, auch als CRISPR/Cas bekannt, sollen Pflanzen passgenau verändert und beispielsweise hitzeresistent gemacht werden können. Hierbei muss nicht mehr, wie früher, ein zusätzliches, fremdes Gen eingesetzt werden. Es soll sich vielmehr um einen Prozess handeln, der genau so auch in der Natur stattfinden könnte. Daher sieht ein Vorschlag für eine Neuregulierung des Gentechnikrechts aus Brüssel vor, künftig via Genschere veränderte Pflanzen genauso zu behandeln wie ihre natürlichen Pendants. Der Vorteil aus Sicht der Gentechnik-Fans: Nutzpflanzen, die an wechselnde Umweltbedingungen wie den Klimawandel angepasst sind, und weniger Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden.

Kritische Stimmen wenden jedoch ein, dass grüne Gentechnik bislang immer mit dem Versprechen eines sinkenden Pestizideinsatz einhergegangen wäre, dieser aber faktisch immer weiter gestiegen sei. Zudem drohe das genveränderte Saatgut dadurch, dass sich das Angebot nur auf einige wenige Konzerne konzentriert, teurer zu werden und Abhängigkeiten zu schaffen oder zu verstärken. Darüber hinaus gebe es traditionelle Sorten, die bereits sehr gut an widrige Umweltbedingungen angepasst seien. Gentechnik festigt Input-intensives Agrarmodell Auch Eva Gelinsky, Mitglied in der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich, verweist in einem Impulsreferat zum Saatgut der Zukunft darauf, dass gentechnisch veränderte Sorten häufig nicht das halten, was sie einst versprachen und beispielsweise immer wieder sang- und klanglos aus dem Verkehr gezogen würden. Ihr zufolge festigt die Gentechnik einfach das Input-intensive Agrarmodell. Das Ziel, durch Gentechnik Pestizideinsätze zurückzufahren, sei kaum zu erreichen.

Und der Expertin ist noch etwas wichtig: Keine Agrarwende ohne Finanzwende. Denn der Einfluss großer Investoren wie BlackRock auf die Landwirtschaft steigt nach ihrer Beobachtung. Für diese sei es attraktiv, wenn neue Technologien durchgesetzt und verbreitet würden und zusätzliche Eigentumsrechte an Saatgut durch Patente erworben werden könnten. Für Eva Gelinsky ist es kein Zufall, dass die Monsanto-Übernahme in eine Zeit fällt, in der bei der Bayer AG Finanzfachleute an der Spitze standen. Allerding zeige dieser Fall gerade, dass durch derartige Deals die Börsenkurse auch geschröpft werden könnten.

 

Ausschlusskriterium Gentechnik

 

Als Leidtragende von den Turbulenzen rund um Glyphosat, die unmittelbar auf die Börsenkurse wirken, verweist Eva Gelinsky auf die Beschäftigten, denn tatsächlich reagierte die Bayer AG auf die Talfahrt ihrer Aktienkurse mit Rationalisierungen. Längst zeigt sich jedoch, dass Risiken für Mensch und Umwelt ebenso Auswirkungen auf Investierende haben oder zumindest haben können. Daher ist Gentechnik – auch unter Risikogesichtspunkten – ein verbreitetes Ausschlusskriterium bei nachhaltigen Investments – was komplementäre Geschäftssparten wie Glyphosat zumindest indirekt miteinschließt. Allerdings hat die Bayer AG auch jenseits von Glyphosat die eine oder andere rechtliche Baustelle. Ein jüngst verhängtes Bußgeld für gesundheitliche Schäden durch PCB-haltige Produkte ist auch dem Monsanto-Erbe zuzurechnen. Der Schadensersatz belief sich auf drei Millionen US-Dollar zuzüglich 784 Millionen US-Dollar Strafschadensersatz an sieben Kläger. Kursverlauf der Bayer AG Aktie über die letzten 10, 5 und 3 Jahre (bis 28.12.2023)

 

Quelle: Bloomberg

 

--

[1] Pestizidatlas 2022 Eimermacher/Puchalla, Seite 33, CC-BY-4.0.

bottom of page