• Florence

Pandemic Extractivism

Aktualisiert: 15. Aug.

Eine Recherche über staatliche Beihilfen und aggressive Kapitalallokation als Grundlage für den Engagement-Prozess.


Im Rahmen ihrer strategischen Ausrichtung treffen Unternehmen Entscheidungen in Bezug auf ihre Kapitalallokation , die gemeinhin als Indikatoren für ihren Fokus auf kurzfristige

Gewinnmaximierung oder langfristige, also nachhaltige, Interessen gesehen werden. So zeigen die Maßnahmen, die Firmen in den Bereichen Investitionen in die Belegschaft, Dividendenausschüttungen, Aktienrückkaufprogramme und Steuerplanung ergreifen, ob die langfristige und nachhaltige Performance oder die kurzfristige Generierung von Shareholder Value bedient wird und somit auch inwiefern sie mit dem Empfang staatlicher Beihilfen kompatibel sind. Solche Beihilfen rückten zwar im Zuge der COVID-19-Pandemie stark in den Vordergrund, sie werden jedoch üblicherweise auch außerhalb dieser Krisenzeiten von Regierungen gewährt, beispielsweise in Form von Steuererleichterungen, Subventionen, oder Forschungs- und Entwicklungszuschüssen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern die Unternehmen, die von staatlichen Hilfen profitieren, Investitionen in die langfristige Entwicklung ihrer Strukturen tätigen. Sowohl nationale und supranationale Institutionen als auch Shareholder haben ein Interesse an langfristigen Zielsetzungen und nachhaltigem Erfolg von Unternehmen. Die Analyse von Kapitalallokationen, im Zusammenhang mit staatlichen Beihilfen ist Voraussetzung für die Identifikation von Risiken und kann der Trittstein für den Engagement Prozess dienen.

1. Kapitalallokationsentscheidungen - für Unternehmen, Shareholder und die Gesellschaft


Shareholders for Change (SfC) ist ein europäisches Netzwerk von institutionellen Investoren, die sich im Rahmen ihrer Engagement-Bemühungen aktiv für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Portfoliounternehmen einsetzen, und dem auch Ethius Invest angeschlossen ist. Für die Sponsoren der von SfC in Auftrag gegebenen Studie spielen Kapitalallokationen im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit von Unternehmen eine ausschlaggebende Rolle. Vor allem seit der Covid-19-Pandemie können Entscheidungen in diesem Bereich, laut Aldo Bonati, Corporate Engagement and Networks Manager bei Etica Funds, Mitglied von SfC und mit-Sponsor der Studie, über den langfristigen Erfolg von Unternehmen bestimmen, da sie Einfluss auf das Reputationsrisiko haben, vor allem, wenn zugleich öffentliche Gelder gewährt werden.


Die von SfC in Auftrag gegebene Studie “Pandemic Extractivism” ist die erste Studie, die Unternehmen identifiziert, welche den Risiken durch Kapitalallokationsentscheidungen am meisten ausgesetzt sind. Das Netzwerk konzentriert sich auf drei Möglichkeiten des Einsatzes von finanziellen Ressourcen durch Unternehmen: Investitionen in die Belegschaft, Dividendenausschüttungen und Aktienrückkaufprogramme. Weiterhin wurde auch die Steuerplanung der jeweiligen Unternehmen untersucht. Die Entscheidung, die Belegschaft zu reduzieren, und die Verwendung von "aggressiven" Dividendenausschüttungen oder Aktienrückkaufprogrammen werden als Maßnahmen interpretiert, die eher kurzfristige Interessen begünstigen als den dauerhaften Erhalt des Unternehmens. Somit betrachtet das SfC Netzwerk diese Verhaltensweisen als potenziell unvereinbar mit dem Erhalt staatlicher Beihilfen und grundsätzlich als schädlich, nicht nur für Investoren, sondern auch für Arbeitnehmer und die Gesellschaft als Ganzes, erklärt Rainer Ladentrog, Marketing Manager fair-finance Gruppe und ebenfalls mit-Sponsor der Studie. Neben dem Ziel, Aufmerksamkeit für diese Zusammenhänge zu generieren, ist ein wichtiges Anliegen des SfC Netzwerks, mit der Studie eine Orientierungshilfe für Anleger in ihrem Engagement Prozess anzubieten, indem das Netzwerk konkrete Fragen zum Monitoring von Unternehmen vorschlägt.


2. Der Untersuchungsgegenstand der Studie “Pandemic Extractivism”


Als Untersuchungsgrundlage fungierte eine Auswahl von rund 320 börsennotierten in Europa und Nordamerika angesiedelten Unternehmen. Diese Selektion basiert auf ihrer Präsenz in den wichtigsten nationalen oder globalen Börsenindizes und auf den angegebenen Präferenzen der Mitglieder von SfC. Ein Großteil der untersuchten Unternehmen befinden sich in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien und den USA (insgesamt 85%). Die meisten von ihnen sind Blue Chips mit einem relativ guten ESG-Profil und gehören zu knapp 70% dem Produktions-, Finanz- oder Versicherungssektor an, was auf die Präferenzen der Initiatoren der Studie zurückzuführen ist.

Je nach Sektor und geographischer Lage, in denen die Unternehmen tätig sind, wurden Schwellenwerte definiert, um Verhalten von Kapitalallokation zu identifizieren, die als “aggressiv” betrachtet werden können. Die Kriterien wurden in den Bereichen Workforce, Höhe der Ausschüttungsquoten von Dividenden, Volumen und Frequenz von Aktienrückkaufprogrammen, sowie Ansiedlung in Ländern mit aggressiver Steuerplanung gemessen. Unterschieden wurden die Werte “Nicht Aggressiv”, “Aggressiv” und “Sehr Aggressiv”.



3. Ergebnisse der Studie “Pandemic Extractivism”


Unter Verwendung von Daten aus den Finanzberichten von 2020 der selektionierten Unternehmen hat die Studie ergeben, dass fast ein Drittel davon in mindestens einem der betrachteten Indikatoren als “aggressiv” eingestuft wird. Die meisten Fälle von “aggressivem” Verhalten ereigneten sich im Bereich der Dividendenausschüttungen:



Bei 26 Unternehmen daraus wurde mehr als ein Indikator als “aggressiv” eingestuft und können in drei Profile unterteilt werden:

a) Die “aggressivsten" Unternehmen, die staatliche Beihilfen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie erhalten haben.

b) Die "aggressivsten" Unternehmen, die unabhängig von der COVID-19-Pandemie staatliche Beihilfen erhalten haben.

c) "Aggressive" Unternehmen, die keine staatlichen Beihilfen erhalten haben oder diese nicht offenlegen.


Bei diesen 26 Unternehmen wurde die Analyse auf die letzten drei Geschäftsjahre (2018, 2019, 2020) ausgeweitet, um zu verstehen, ob die "aggressiven" Verhaltensweisen einen Trend darstellen oder ob sie auf 2020 beschränkt sind. Vertiefend wurden andere Aspekte untersucht, darunter, ob die Unternehmen über die gesamte Höhe der staatlichen finanziellen Unterstützung berichten, die sie von einer Regierung während des Berichtszeitraums erhalten haben, wie dies von der Global Reporting Initiative (GRI)



gefordert wird. Obwohl 17 Unternehmen in Übereinstimmung mit den GRI-Standards

berichteten, legten nur 6 von ihnen die Informationen explizit offen, wie dies vom GRI-Standard 201-4 vorausgesetzt wird. Bei 8 Unternehmen wurde festgestellt, dass sie sowohl institutionelle Hilfen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie erhalten haben und gleichzeitig “aggressive” Strategien zur Kapitalallokation umgesetzt haben.




4. Ein Unternehmen im Ethius Global Impact Fonds als “aggressiv” eingestuft


Unter den analysierten Unternehmen, die in mehr als einem Indikator als “aggressiv” eingestuft wurden und staatliche Beihilfen unabhängig von der COVID-19-Pandemie erhalten haben, befindet sich auch das Transportunternehmen Union Pacific, ein Portfoliounternehmen des Ethius Global Impact Fonds. Eine genauere Prüfung hat aufgezeigt, dass das Unternehmen in den Geschäftsjahren 2019 und 2020 eine erhebliche Kürzung der Belegschaft vorgenommen hat. Außerdem wurde in den vergangenen drei Jahren ein sehr hohes Verhältnis von eigenen Aktien zum Eigenkapital beobachtet. Weiter erklärt Union Pacific bezüglich den staatlichen Beihilfen in seinem 2020 Nachhaltigkeitsbericht gemäss GRI-Standard 201-4, dass es "keine wesentliche finanzielle Unterstützung von Regierungen" erhalten hat, allerdings wird die Höhe dieser staatlichen Beihilfen nicht offengelegt.


Quelle: SFC Research: Pandemic Extractivism


Die Studie formuliert spezifische Fragen per Unternehmen, welche als Trittstein für einen Engagement-Prozess verwendet werden können. Im Fall von Union Pacific beziehen diese sich in erster Linie auf die detaillierte Offenlegung staatlicher Hilfen und die Rechenschaft für bestimmte “aggressive” Formen der Kapitalallokation.


5. Next Step: Ethius Invest leitet den Engagement-Prozess ein


Als verantwortliche Investoren, betrachtet SfC “aggressives” Verhalten bei der Kapitalallokation als nicht kompatibel mit dem Erhalt staatlicher Hilfen. Diese Meinung teilt auch Ethius Invest, die eine nachhaltige und langfristige Entwicklung kurzfristigen Gewinnen voranstellt. Die Recherche, die im Rahmen dieser Studie durchgeführt wurde, wird nun als Grundlage zur Einleitung eines Engagement-Prozesses mit Union Pacific dienen. Ethius Invest wird die aufgeworfenen Fragen an das Fondsunternehmen adressieren und in der GV-Saison 2022 ein Engagement-Projekt starten, welches auch 2023 fortgesetzt wird. Ziel werden hierbei zunächst die Infragestellung des Erhalts staatlicher Beihilfen bei einer "aggressiven" Kapitalallokationsstrategie und die Rechenschaft über erhaltene Beihilfen und eine verbesserte Transparenz durch das Transportunternehmen sein.


6. Fazit


Die Studie hat aufgezeigt, dass ein bedeutender Teil der Unternehmen, die staatliche Beihilfen erhalten haben, Strategien verfolgen, die nicht auf eine dauerhafte Entwicklung der innerbetrieblichen Strukturen abzielen und es somit verfehlen, im Gegenzug für die staatliche Hilfe in ihrer Funktion Wert für die Gesellschaft zu schaffen. Als verantwortliche Teilhaber und Mitglied des Netzwerks Shareholders for Change, setzt Ethius Invest auch auf eine langfristige Entwicklung und auf die Resilienz ihrer Portfolio-Unternehmen. Auch außerhalb von Krisenzeiten ist ein kurzfristiges Denken von Unternehmen zu kosten einer dauerhaften Entwicklung fragwürdig. Die erbrachten und überaus konkreten Ergebnisse der Studie “Pandemic Extractivism” bieten eine solide Grundlage für den beginnenden Engagement-Prozess, den Ethius Invest als Shareholder in sein Portfolio-Unternehmen anstoßen und weiterführen wird.



SfC_report_PandemicExtractivism_apr2022-1
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