Insights zu Nachhaltigkeits-berichterstattungen Teil II

Aktualisiert: Juli 25

Gemeinwohlbilanzen-eine alternative Form der Nachhaltigkeitsberichterstattung


Nachhaltige Geldanlagen liegen im Trend, gewinnen Relevanz, sind gefragt wie nie zuvor.

Bei vielen Marktteilnehmern bzw. Finanzproduktanbietern steht das Kerngeschäft jedoch im Widerspruch zur Nachhaltigkeit. In der Kommunikation von Nachhaltigkeit sind zwei Gruppen sehr aktiv, einmal die wirklich nachhaltigen Unternehmen, d.h. diejenigen, die Pionierarbeit leisten und eine Vorreiterrolle übernehmen und zweitens das «kritische Dutzend» der Branche.


Hierbei muss unterschieden werden zwischen denjenigen Unternehmen, die sich wirklich auf den Weg machen und einen sinnvollen Prozess eingehen und denjenigen, die „Greenwashing“ betreiben.

Wenn jeder dabei sein kann, stellt sich jedoch die Frage nach der Belegbarkeit der Nachhaltigkeit von Finanzprodukten.


In der EU werden aktuell die Richtlinien zur nichtfinanziellen Berichterstattung überarbeitet und eine einheitliche Liste von Kriterien für nachhaltige Finanzierungen, die sogenannte EU-Taxonomie, zusammengestellt.[1] Dies soll Einheitlichkeit gewähren und tatsächlich nachhaltige Investitionen fördern. Das Ziel des Gesetzentwurfs ist die Erhöhung des Schutzes von Umwelt und Menschenrechten in europäischen Lieferketten durch die Berücksichtigung und Offenlegung dieser Bereiche innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette von Unternehmen. Die Angaben zu nachhaltigen Angeboten sollen überprüf-, vergleich- und verifizierbar sein. Doch auch hier zeichnet sich bereits ab, dass die Vergleichbarkeit durch Interpretationsspielräume und Übersetzungsvarianten bei den Gesetzestexten beeinträchtigt sein könnte.[2] Es bleibt abzuwarten, ob man zukünftig tatsächlich nachhaltige Finanzunternehmen von den konventionellen leichter unterscheiden kann.


Freiwillige CSR- Initiativen zur Berichterstattung von Unternehmensverantwortung: Gemeinwohlbilanzen


Eine alternativen, aber durchaus ernstzunehmenden Ansatz bietet hier die Gemeinwohlökonomie (GWÖ), eine 2010 in Österreich gegründete Bewegung, deren

Hauptanliegen die Relevanz ökologischer und sozialer Aspekte bei der Unternehmensführung ist. Sie setzt sich dafür ein, dass Unternehmen neben der jährlichen Finanzbilanz alle zwei Jahre eine sogenannte Gemeinwohlbilanz erstellen. Dies soll bewirken, dass bei der Risikosteuerung nicht lediglich die finanzwirtschaftlichen Daten stark ins Gewicht fallen.[3] Ein Ziel, welches auch dem im Rahmen des Green Deal auf EU-Ebene nicht unähnlich ist.



Wie funktioniert die Gemeinwohlökonomie?


Die Gemeinwohlbilanz ist ein Nachhaltigkeitsbewertungstool, das es Firmen erlaubt, sich selbst zu bewerten und festzustellen, wie ökologisch und sozial nachhaltig sie sind. Zu diesem Zweck wird gemessen, ob sich die Handlungen und Werte eines Unternehmens mit den Grundwerten der GWÖ decken. Hierbei kommen folgende vier Punkte zum Tragen: menschliche Würde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung.

Bei der Gemeinwohlbilanz analysiert ein Unternehmen systematisch, anhand von verschiedenen Kennzahlen und eines einheitlichen Punktesystems, welchen Beitrag es unterm Strich für die Gesellschaft leistet. Dabei geht es insbesondere darum, welche Auswirkungen ihre Tätigkeiten auf ihre Anspruchsgruppen (bspw. Lieferant*innen, Eigentümer*innen, Mitarbeiter*innen, Kund*innen, Mitbewerber*innen, etc.) haben. Durch konkrete Vorgaben werden gemessene Werte vergleichbar und nicht individuell variabel.


Die Gemeinwohlbilanz ermöglicht einen tiefgehenden Blick auf nachhaltige Unternehmensaspekte und zeigt den Organisationen Potenziale für eine zukunftsfähige Weiterentwicklung auf. Ein wichtiger Bestandteil, der die Gemeinwohlbilanz von vielen anderen Nachhaltigkeitsbewertungstool unterscheidet, ist die obligatorische Prüfung durch externe Auditor*innen vor Veröffentlichung des Berichts. So sichert ein Unternehmen die Glaubwürdigkeit des Nachhaltigkeitsberichts gegenüber der Öffentlichkeit und seinen Berührungsgruppen. Hierbei ist vor allem der ganzheitliche und umfassende Nachhaltigkeitsansatz hervorzuheben.[4]



Erste Erfahrungswerte bei Finanzunternehmen mit Gemeinwohlbilanz


Einzelne Finanzeinrichtungen haben bereits Gemeinwohlbilanzen erstellt, wie beispielsweise die Sparda Bank München, die seit 2011 regelmäßig einen entsprechenden Bericht veröffentlicht. Auch die österreichische Dornbirner Sparkasse hat 2020 ihren dritten Bericht publiziert. Laut der Gemeinwohlbilanz dieses österreichischen Finanzinstituts stelle die GWÖ jene Grundwerte in den Mittelpunkt, die das menschliche und gemeinschaftliche Leben gelingen lassen, darunter Vertrauen, Solidarität und Wertschätzung. Die Dornbirner Sparkasse teilt demnach ebenfalls die Vision der GWÖ, dass Unternehmen nur dann als erfolgreich gelten sollten, wenn sie einen Mehrwert für das Gemeinwohl generieren.[5] Sie sehe die Gemeinwohlbilanz als Ergänzung zur Finanzbilanz, die überprüf- und vergleichbare Bewertungskriterien für das Gemeinwohl-Engagement biete.


Die ersten Gemeinwohlbilanzen der Dornbirner Sparkasse gaben den Anstoß, eine Lieferantenbefragung durchzuführen, bei der die Lieferant*innen zu ihrer Zufriedenheit in der Zusammenarbeit mit der Sparkasse befragt wurden. In dieser Umfrage wurden die Lieferant*innen unter anderem gefragt, welche Rolle die Nachhaltigkeit in ihrem Unternehmen spielt und ob sie bei der Aufnahme von Geschäftsbeziehungen darauf achten, dass ihre Geschäftspartner*innen ökosoziale Leitlinien formuliert haben. Auf diese und andere Weise werden die Lieferant*innen für das Thema Nachhaltigkeit sensibilisiert und es kann zu positiven Auswirkungen in der gesamten Zuliefererkette führen.

Im Gemeinwohlbericht der genossenschaftlich organisierten Sparda Bank in München wird betont, dass die gemeinwohlorientierte langfristige wirtschaftliche Förderung ihrer Kund*innen und Mitglieder und nicht die Gewinnmaximierung für sie im Vordergrund steht. Als Genossenschaftsunternehmen werde der Gewinn nicht außer Acht gelassen, sei aber nicht das vorderste Unternehmensziel. Die Anlagepolitik der Eigenanlagen werden transparent auf der Homepage offengelegt, um Vertrauen bei den Mitgliedern sowie der Öffentlichkeit zu schaffen.[6]


Blick in die Zukunft


Bei der Gemeinwohlbilanz von Finanzinstituten wird ein besonderes Augenmerk auf Geldanlagen gelegt. Aus Sicht der GWÖ sind Ausschlusskriterien unabdingbar, mit denen bei der Auswahl von Unternehmen für das Anlagespektrum sichergestellt werden kann, dass sowohl ganze Branchen als auch einzelne Firmen, deren wirtschaftliche Tätigkeiten zu negativen Folgen für Umwelt und Gesellschaft führen, ausgeschlossen werden. Weiterhin schneiden Finanzunternehmen mit konkreten Positivkriterien, um nachhaltige Bereiche und Anliegen aktiv zu fördern, bei der Gemeinwohlbilanz besser ab. Auch Engagement und die mögliche Mitwirkung durch Stakeholder bei Investitionsentscheidungen werden durch die GWÖ positiv bewertet.[7] Die Idee ist eine ernsthafte Förderung einer nachhaltigen, ethischen und kooperativen Marktwirtschaft, und so die Transformation des Systems von innen heraus, so dass das Gemeinwohl langfristig als Ziel aller Marktteilnehmer fungiert. Finanzunternehmen können hier Vorreiter sein.



Hintergrund zur Autorin










Ausblick


In Teil III Insights zu Nachhaltigkeitsberichterstattungen wird untersucht, wie ein Investmentfonds Nachhaltigkeitskriterien auf Produktebene für den Kunden verständlich ausweisen kann. Dabei wird das FNG-Nachhaltigkeitsprofil eine Lösung des Fachverbands Nachhaltige Geldanlagen in Deutschland vorgestellt. Vor allem mit Berücksichtigungen auf die MIFID II-Änderungen werden Transparenzstandards, im Rahmen der Anlageberatung, eine neue Relevanz erhalten und zur Qualitätssicherung Nachhaltiger Geldanlagen beitragen.


Quellen: [1]https://www.euractiv.com/section/energy-environment/news/new-eu-reporting-requirements-will-force-firms-to-get-serious/ [2]https://www.forum-ng.org/images/stories/Aktivitaeten/Final_Inteview050321_FNG_ERSTEAMGROUP_01042021.pdf [3]https://anna.deparnay-grunenberg.eu/2021/02/23/auszug-aus-dem-buch-24-wahre-geschichten-vom-tun-und-vom-lassen-gemeinwohloekonomie-in-der-praxis-interview-mit-gerhard-schick/ [4] https://web.ecogood.org/de/unsere-arbeit/gemeinwohl-bilanz/unternehmen/gemeinwohl-bericht/ [5] https://www.sparkasse.at/dornbirn/wir-ueber-uns/corporate-social-responsibility/gemeinwohlbilanz [6]https://www.sparda-m.de/internetauftritt/downloads/pdf/vierter-gemeinwohlbericht.pdf [7]https://web.ecogood.org/media/filer_public/73/da/73dab961-6125-4f69-bf7a-3c8613a90739/gwoe_arbeitsbuch_5_0_vollbilanz.pdf