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Proxy Voting & Shareholder Engagement: Welche Fonds nutzen ihre Stimmrechte aktiv?

  • Autorenbild: Ethius Invest
    Ethius Invest
  • 22. Feb. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 23. Juni

Aktiv die Stimmrechte zu nutzen, gilt als eine der effektivsten Maßnahmen, um auf Unternehmen im Sinne von Nachhaltigkeit und Transformation einzuwirken. Doch welche Fondsmanager nehmen aktiv an Hauptversammlungen teil – und wie unterscheiden sie sich in der Qualität ihres Engagements?


Gibt es Fonds, die ihre Stimmrechte aktiv wahrnehmen?

Ja – aber mit erheblichen Unterschieden. Viele Fonds üben ihre Stimmrechte grundsätzlich aus. Allerdings unterscheiden sich Anbieter deutlich darin, wie aktiv sie diese nutzen und welche Nachhaltigkeitsziele sie damit verfolgen. Während einige Fondsmanager systematisch abstimmen und den Dialog mit Unternehmen suchen, delegieren andere ihre Stimmrechte weitgehend an externe Dienstleister – oder üben sie gar nicht aktiv aus.


Nicht alle Fonds nutzen ihre Stimmrechte gleich aktiv


Für Anleger ist die Unterscheidung entscheidend:


Fondstyp

Stimmrechtsausübung

Passive Strategien & viele ETFs

Stimmrechte oft delegiert oder nur bei großen Positionen aktiv

Standardisierte ESG-Fonds

Meist Standard-Empfehlungen der großen Proxy-Berater (Institutional Shareholder ServicesISS/Lewis)

Engagement-orientierte Fonds

Individuelle Voting-Richtlinien, gezielter Dialog mit Unternehmen

 

Welche Fondsmanager nehmen aktiv an Hauptversammlungen teil?


Fondsmanager mit echtem Fokus auf Active Ownership – also die aktive Wahrnehmung von Aktionärsrechten – zeichnen sich durch einen ganzheitlichen Ansatz aus, der weit über die bloße Stimmabgabe hinausgeht:


  • Teilnahme an Hauptversammlungen: Physische oder virtuelle Präsenz, um Einfluss direkt geltend zu machen

  • Stimmrechtsausübung: Konsequente Stimmabgabe bei allen Portfoliounternehmen nach eigenen Richtlinien

  • Dialog mit Unternehmen: Direkter Austausch mit dem Management zu ESG-Themen

  • Einreichen von Aktionärsanträgen: Aktive Mitgestaltung der Tagesordnung

  • Kollaboratives Engagement: Zusammenarbeit mit anderen Investoren für mehr Gewicht


Wissenschaftliche Publikationen belegen, dass Engagement – also die Nutzung der gesamten Bandbreite der Aktionärsrechte und Dialoge – eine der wenigen nachhaltigen Anlagestrategien ist, deren Wirkung empirisch nachgewiesen werden konnte.


Marktkonzentration bei der Stimmrechtsvertretung: Das Duopol


Aus Sicht von Ökonominnen und Ökonomen ist folgender Sachverhalt sonnenklar: Marktkonzentration geht in der Regel zulasten der Nachfrageseite. Genau einem solchen Duopol sehen sich Investierende gegenüber, die zu einer aktiven Aktionärsdemokratie beitragen wollen. Denn den Markt für Dienstleistungen im Bereich Proxy Voting – also der Stimmrechtsvertretung – beherrschen seit vielen Jahren Institutional Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis. Über 90 Prozent [1] des Marktes, nach einigen Quellen [2] sogar ein noch größerer Teil, entfallen auf diese beiden US-amerikanischen Unternehmen.


Die Dienstleistung der Stimmrechtsvertretung ist so wichtig, weil Fondsanbieter und institutionelle Investoren die Aktien vieler Unternehmen halten. Es kann sich mitunter um Tausende handeln. Da ist es nahezu unmöglich, bei allen diesen Firmen die Hintergründe und aktuellen Herausforderungen zu recherchieren, die Agenden und Abstimmungspunkte zu analysieren und sich eine fundierte Meinung zu bilden, ob bei bestimmten Punkten zugestimmt werden sollte oder ob es möglicherweise sinnvoller und verantwortungsvoller wäre, dagegen zu votieren oder sich zu enthalten. Genau diese Arbeit nehmen ISS und Glass Lewis Investierenden ab, indem sie Empfehlungen erarbeiten. Mit diesen beeinflussen sie maßgeblich die Unternehmensführung börsennotierter Unternehmen. Sie gelten daher als die “heimliche Macht auf Hauptversammlungen”.[3]


Die Kehrseite des Duopols


Dieser Einfluss betrachten selbst die Regierungen konservativer US-Bundesstaaten mit Argusaugen – sie verboten Anfang 2023 [4] staatlichen Pensionsfonds, den Nachhaltigkeitsempfehlungen von ISS und Glass Lewis zu folgen. Die Kritik kommt aber vor allem von denjenigen, die das Instrument der Stimmrechtsausübung für ESG-Themen systematisch nutzen wollen. Die Kernkritikpunkte:


  • Homogenisierung: Weil Unternehmen Gegenstimmen zu verhindern suchen, richten sie sich präventiv nach den Marktführern[5] – für Innovatives und individuelle Lösungswege sinken die Chancen

  • Fehleranfälligkeit: Der Mangel an disziplinierenden Marktkräften bringe vermehrt Fehler hervor, die in die Empfehlungen einfließen

  • Transparenzmangel: Die Grundlagen der regelbasierten Modelle, in denen auch Algorithmen zur Anwendung kommen, sind kaum nachvollziehbar [6]

  • Interessenkonflikte: Wenn Dienstleistungen zugleich an Emittenten und Investoren verkauft werden, können Kollisionen entstehen [7]


Welche Fonds setzen gezielt auf Shareholder Engagement?


Nicht jeder nachhaltige Fonds ist automatisch ein Engagement-Fonds. Der Unterschied liegt im Ansatz:


Fondstyp

Charakteristik

ESG-Fonds

Berücksichtigen Nachhaltigkeitskriterien bei der Titelauswahl

Ausschlussfonds

Vermeiden bestimmte Branchen oder Geschäftspraktiken

Impact-Fonds

Investieren gezielt in Lösungen für globale Herausforderungen

Engagement-orientierte Fonds

Wollen Unternehmen aktiv verändern – durch Dialog, Stimmrechte und Anträge

 

Fonds, die sich explizit über Engagement definieren, gehen über die bloße Stimmabgabe hinaus. Ein herausragendes Beispiel im kontinentaleuropäischen Raum ist Ethos aus der Schweiz – und für Investierende, die in Deutschland und der Schweiz nach Fonds mit einem solchen Ansatz suchen, ist der Ethius Global Impact ein konkretes Beispiel für einen Fonds, der Ethos als Dienstleister nutzt und Engagement als zentralen Bestandteil seiner Anlagestrategie verankert hat.


Proxy Voting jenseits des Duopols: Die Alternative Ethos


In der Gemengelage aus Marktkonzentration und standardisierten Empfehlungen stellt sich für ambitionierte Investoren die Frage nach Lösungen jenseits dieser Massenabfertigung. Der Markt ist klein, aber es gibt Alternativen. In Großbritannien gibt es Minerva. Proxinvest aus Frankreich wurde 2022 von Glass Lewis aufgekauft.[8] Als weiterer kontinentaleuropäischer Anbieter bleibt damit vor allem Ethos aus der Schweiz – die sich bei genauerem Hinsehen als eine ausgesprochen interessante Akteurin entpuppt.


Ethos, bestehend aus der 1997 gegründeten Ethos Stiftung und den im Jahr 2000 ins Leben gerufenen Ethos Services, verfolgt den Zweck, insbesondere Pensionskassen, aber auch gemeinnützige Organisationen, darin zu unterstützen, nachhaltig und verantwortungsbewusst zu investieren. Die Ausübung der Stimmrechte ist dabei in drei Prinzipien verankert:[9]

 

Prinzipien für nachhaltige Anlagen

 

In einem öffentlich zugänglichen Dokument, den Prinzipien für Nachhaltige Anlagen, legt Ethos in neun Prinzipien dar, welche Grundlagen und Werte für das Unternehmen beim Investieren handlungsanleitend sind. An erster Stelle nennt Ethos den eigenen Anspruch, in Sachen Geschäftsethik stets die besten Praktiken einzuhalten. Konkret mündet dies in der Maßgabe, unabhängig, professionell und transparent und im Sinne der treuhänderischen Pflichten zu handeln. Dazu gehört auch die Ausübung der Aktionärsstimmrechte, die in den Prinzipien 7, 8 und 9 ausformuliert sind:[10]

 

  • Prinzip 7: Ethos übt ihre Aktionärsstimmrechte systematisch entsprechend ihren Stimmrechtsrichtlinien aus, die auf den besten Praktiken im Bereich Corporate Governance basieren. Die Stimmrechtsrichtlinien und Stimmempfehlungen werden im Internet veröffentlicht.

  • Prinzip 8: Ethos nimmt das direkte Gespräch mit kotierten Unternehmen über ESG-Fragestellungen auf und unterstützt kollektive Engagement-Initiativen.

  • Prinzip 9: Ethos kann Maßnahmen eines aktiven Aktionariats verstärken – durch Interventionen an der Generalversammlung, Einreichen von Aktionärsanträgen, den Zusammenschluss mit anderen Aktionärinnen und Aktionären oder durch das Ergreifen rechtlicher Schritte.

 

Ethos steht damit in starkem Kontrast zu den hundertprozentig kommerziell ausgerichteten Marktführern. Das Geschäftsmodell ist an klaren ethisch-nachhaltigen Zielen ausgerichtet – nicht an Kommerz und Profit.


Proxy Voting ist nur ein Teil von Shareholder Engagement


Die Stimmrechtsausübung auf Hauptversammlungen ist ein zentrales Instrument, aber nicht der einzige Hebel. Wirkungsvolles Shareholder Engagement umfasst darüber hinaus den kontinuierlichen Dialog mit Unternehmen, die Zusammenarbeit mit anderen Investoren und – wenn nötig – öffentlichkeitswirksame oder rechtliche Schritte.[11]


Ethos bietet jedes Jahr rund 500 Analysen von Hauptversammlungen außerhalb der Schweiz an – von europäischen über nordamerikanische bis hin zu asiatischen Unternehmen. Die Untersuchungen umfassen Angaben zu den einzelnen Tagesordnungspunkten und Stimmempfehlungen und werden durch eine Reihe weiterer Informationen zum jeweiligen Unternehmen komplettiert. Ein Beispiel bietet die Analyse zur Hauptversammlung des Baumaterialien-Herstellers Holcim. Ethos veröffentlicht ihre Stimmempfehlungen zudem jeweils fünf Tage vor den Hauptversammlungen der Schweizer Unternehmen auf ihrer Webseite. Sie können somit von anderen kostenfrei genutzt werden.


Ranglisten zur Stimmrechtsausübung im Sinne von Nachhaltigkeit


Dass Ethos der Ruf einer besonders versierten Akteurin in Sachen Nachhaltigkeit und Engagement vorauseilt, bezeugt das Ranking „Voting for Sustainability". Das Unternehmen resonanz bediente sich hierfür der Expertise von Organisationen mit besonders hoher Nachhaltigkeitskompetenz – darunter Ethos und die Climate Action 100+. Auf dieser Basis wurde das Abstimmungsverhalten von 140 globalen Investoren analysiert.


Auch die britische NGO ShareAction erstellt Ranglisten zum ESG-Abstimmungsverhalten der global größten Vermögensverwalter. Beide Analysen sind sich in einem entscheidenden Punkt einig: der zentralen Relevanz der Stimmrechtsausübung für Nachhaltigkeit.


Worauf Anleger bei Fonds mit Shareholder Engagement achten sollten


Für Investierende, die eine echte Wirkung erzielen wollen, sind folgende Kriterien entscheidend:


  • Voting-Richtlinien: Veröffentlicht der Anbieter eigene, detaillierte Richtlinien für die Stimmabgabe?

  • Engagement-Reports: Gibt es regelmäßige Berichte über geführte Dialoge und Abstimmungsergebnisse?

  • Unterstützung von Anträgen: Werden kritische Aktionärsanträge zu Klima- und Sozialthemen konsequent unterstützt?

  • Transparenz: Sind Abstimmungsempfehlungen vor der Hauptversammlung einsehbar?

  • Kollaboration: Ist der Fonds in Engagement-Initiativen wie Shareholders for Change aktiv?


Fazit: Warum aktive Stimmrechtsausübung ein entscheidendes Nachhaltigkeitskriterium ist


Nachhaltigkeit ist komplex und facettenreich – und hat viel mit Glaubwürdigkeit zu tun. Nur denjenigen, die bei sich selbst ansetzen und ihr Engagement transparent machen, kann zugetraut werden, tatsächlich einen Beitrag zu unserer Zukunftsfähigkeit zu leisten.

Für Investierende, die mit ihren Anlagen eine reale Wirkung erzielen wollen, gilt deshalb: Active Ownership ist das wirksamste Mittel, um Nachhaltigkeit vom Lippenbekenntnis zur Unternehmensrealität zu machen.


  • Einfluss: Stimmrechte ermöglichen die direkte Mitgestaltung der Unternehmensstrategie

  • Langfristigkeit: Engagement wirkt über Jahre hinweg und ist empirisch als wirksam belegt

  • Glaubwürdigkeit: Eigene Voting-Richtlinien unterscheiden echte Nachhaltigkeitspioniere von Standard-ESG-Produkten

  • Wirkung: Aktive Fondsmanager können gezielt dort ansetzen, wo Transformation am dringendsten ist

 

 

Ethius Invest im Februar 2025, aktualisiert im Juni 2026



[3] Ebenda.

[4] Ebenda.

[10] Original zitiert gemäß den Prinzipien für nachhaltige Anlagen auf den Seiten 25, 26 und 28.


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