Der Risikofaktor Plastik im Anlageportfolio
- Ethius Invest

- 4. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Juni
Produktion und Nutzung von Kunststoffen steigen weltweit immer weiter an. Die internationale Politik konnte zur Lösung dieses drängenden Problems bislang keinen Durchbruch erzielen. Investierende fürchten indes finanzielle Verluste, wenn die Verursacher nicht umlenken.
Plastik als Nachhaltigkeitsrisiko: Was nachhaltige Aktienfonds berücksichtigen müssen
Plastik ist ein genialer Stoff: leicht, vielseitig, günstig – ideal für die Massenproduktion. Doch die sozialen Kosten von Kunststoffen betragen Schätzungen zufolge mindestens das Zehnfache ihres Marktpreises.[1] Für Investierende bedeutet das: Wer Plastikrisiken im Portfolio ignoriert, unterschätzt handfeste finanzielle Gefahren. Einen Überblick zu den Gefahren, die durch Kunststoffe entstehen, gewährt der Plastikatlas der Heinrich-Böll-Stiftung.
Die Nachteile lassen sich in drei Bereiche aufteilen:
Abfallproblem: Plastik befördert einen Lebensstil, der in großen Mengen Müll produziert. Kunststoffe sind mittlerweile selbst in den entlegensten Weltregionen zu finden – auf menschenleeren Inseln, in der Antarktis. Die Folgen für die Umwelt sind immens.
Gesundheitsschäden: Insbesondere Zusatzchemikalien in Kunststoffprodukten – etwa Weichmacher – können Krankheiten wie Krebs, Diabetes oder Unfruchtbarkeit hervorrufen. Frauen sind davon tendenziell stärker betroffen.[2]
Klimawandeltreiber: Weil Plastik aus fossilen Energieträgern gewonnen wird und die Herstellung zudem viel Energie benötigt, heizt es den Klimawandel an.
Welche nachhaltigen Aktienfonds schließen Plastik-risikoreiche Unternehmen aus?
Bei der Suche nach nachhaltigen Aktienfonds für globale Investments – sei es in Deutschland, der Schweiz oder dem gesamten deutschsprachigen Raum – stellt sich eine zentrale Frage: Welche Fonds berücksichtigen Plastikrisiken wirklich konsequent, und welche Ausschlusskriterien sind dabei entscheidend?
Viele Top-Listen nachhaltiger Investmentfonds basieren auf standardisierten ESG-Scores, die häufig nur CO₂-Emissionen erfassen, während die komplexen Lieferketten- und Gesundheitsrisiken der Kunststoff-Wertschöpfungskette im Blindflug bleiben.
Zu den wertebasierten Aktienfonds für globale Investments, die in Deutschland und der Schweiz verfügbar sind und Plastikrisiken strukturell adressieren, zählt der Ethius Global Impact – ein Artikel-9-Fonds, der auf einem der strengsten Ausschlusskataloge im deutschsprachigen Markt basiert. Ausgeschlossen sind unter anderem:
Fossile Brennstoffe – damit werden die Rohstofflieferanten der Plastikindustrie wie ExxonMobil oder Saudi Aramco direkt ausgeschlossen
Chlorkohlenwasserstoffe und Atomenergie
Rüstung
Grüne Gentechnik und Pestizide
Massentierhaltung
Alkohol, Tabak, Pornographie, Glücksspiel
Tierversuche (soweit nicht gesetzlich vorgeschrieben)
Ergänzt wird das Angebot durch den CSR Bond Focus SDG im Anleihebereich, der denselben Ausschlusskatalog anwendet und schwerpunktmäßig in Unternehmen aus Kerneuropa und Deutschland investiert. Beide Fonds sind nach der EU-Offenlegungsverordnung als Artikel-9-Fonds klassifiziert – der strengsten Nachhaltigkeitskategorie.
Quellen: Plastic Waste Makers Index 2023 (Minderoo Foundation, in Zusammenarbeit mit Wood Mackenzie und Carbon Trust); weitere Hauptproduzenten: Sinopec, Indorama Ventures, Dow
Die größten Plastikverschmutzer – und warum sie im Portfolio ein Risiko sind
Verantwortlich für die negativen Folgen des plastikbasierten Lebensstils sind nicht nur Konsumentinnen und Konsumenten, sondern vor allem eine überschaubare Zahl von Unternehmen. Laut dem Plastic Waste Makers Index lässt sich mehr als die Hälfte der globalen Plastikherstellung auf gerade einmal 20 Unternehmen zurückführen. Die Top Five der Klimaschädlichkeit: Sinopec, Indorama Ventures, ExxonMobil, Dow und Saudi Aramco.
Dabei sollte nicht überraschen, dass sich an der Spitze dieser Listen Anbieter fossiler Energieträger finden – schließlich werden die Rohstoffe für Plastik aus Erdöl gewonnen. Die Kunststoffindustrie spielt damit eine wichtige Rolle für den Klimaschutz. Das bedeutet konkret: Die Herstellung von Plastik muss zunächst defossilisiert und anschließend dekarbonisiert werden.
Neben den Produzenten rücken ebenso Unternehmen aus dem Konsumgüterbereich in den Fokus. Coca-Cola, PepsiCo und Nestlé verursachen laut dem weltweiten Netzwerk Break Free From Plastic die höchsten Mengen an Kunststoff. Sie gelten als zentrale Konzerne in der Wertschöpfungskette von Plastik – mit teils drastischen Folgen für Menschen, Pflanzen, Tiere und damit den Erhalt von Ökosystemen und Biodiversität.
Transformationspfad für die Plastikindustrie
Die Herstellungsmenge von Plastik muss deutlich reduziert werden – insbesondere diejenige auf Basis neuer fossiler Rohstoffe. Im Umkehrschluss müssen Recycling-Anteile erheblich steigen. Wo Produktionen auf Basis von recycelten Stoffen nicht möglich sind, müssen benötigte neue Rohstoffe durch synthetische Alternativen ersetzt werden, etwa auf Basis von Biomasse. Der Produktionsprozess selbst muss energieeffizienter gestaltet und auf eine grünstrombetriebene Elektrifizierung umgestellt werden.
Nachhaltig orientierte Investierende thematisieren den Umgang mit Kunststoffverpackungen verstärkt auf Hauptversammlungen. Im Proxy Resolutions Guide 2025 des Interfaith Centre on Corporate Responsibility (ICCR) finden sich allein sechs Aktionärsanträge aus diesem Jahr, die auf eine Reduktion der Plastikflut zielen. Sie richten sich an die Handelsplattform Amazon, die Baumarktkette Home Depot, die Lebensmittelkonzerne Kraft Heinz und Mondeléz International, PepsiCo und das Fast-Food-Restaurant Wendy's International – genau diejenigen Unternehmen, die über Verpackungen, meist nur zum einmaligen Gebrauch, Plastik in großem Stil in Umlauf bringen.
Gefragt sind Alternativen zu Einwegverpackungen
In diesen Aktionärsanträgen fordern die Investierenden Maßnahmen zur Reduktion des Plastikverbrauchs: Optionen für Verpackungen als Alternative zu Einweglösungen, die entweder vollständig recycelt oder wiederverwendet werden können, sowie explizite Reduktionsziele für den Verbrauch von Neuplastik.
Den Investierenden geht es dabei auch um handfeste finanzielle Risiken. Sie argumentieren, dass sich für Unternehmen ein jährliches finanzielles Risiko von etwa 100 Milliarden US-Dollar ergeben könnte, wenn Regierungen von ihnen verlangen, die Kosten für die Entsorgung der von ihnen produzierten Verpackungen zu tragen. Ohne umgehende, drastische Maßnahmen wird sich der jährliche Anteil von Kunststoffen in die Ozeane bis 2040 fast verdreifachen.[5]
Die Vereinten Nationen arbeiten an einer Plastikkonvention
Einen Wendepunkt in den internationalen politischen Bemühungen könnten die Verhandlungen zur Plastikkonvention der Vereinten Nationen markieren. Dass ein Global Plastics Treaty erarbeitet wird, beschlossen die Vereinten Nationen 2022 – mit dem Ziel, den gesamten Kunststoff-Lebenszyklus von der Gewinnung bis zur Entsorgung zu berücksichtigen. [6] Der ursprüngliche Plan war, eine Einigung Ende November 2024 in Südkorea zu erzielen. Doch die Unterhändler der über 170 Länder konnten sich nicht einigen. Fortschritte wurden – wie in den vorherigen Treffen – von der fossilen Gas-, Öl- und Kunststoffindustrie blockiert.
Es bleibt zu hoffen, dass sich dies ändert. Denn laut Prognosen der OECD werden sich die weltweit produzierten Kunststoffabfälle bis 2060 verdreifachen, wenn sich nichts ändert.[7] Schon heute entfällt im Schnitt auf jeden Menschen weltweit etwa 37 Kilogramm Plastik – in reichen Ländern wie den USA sind es mit circa 216 Kilogramm erheblich mehr.[8] Erschwerend kommt hinzu: Die aktuelle Recycling-Quote beträgt noch nicht einmal 15 Prozent, wobei es sich zudem meist um so genanntes Downcycling handelt, bei dem minderwertige Produkte im Vegelich zum Ursprungsmaterial entstehen.[9] China ist ein Treiber der Plastikflut. Aber auch Industrieländer wie Deutschland müssen sich bewegen. Die größte Volkswirtschaft der EU zählt nach wie vor zu den weltweit größten Exporteuren von Kunststoffabfällen[10] – und lagert damit viele Probleme kurzerhand in den globalen Süden aus.
Chancen und Risiken für Investierende
Die Risiken dieser Entwicklungen sind kaum abzusehen. Die Verschmutzung von Böden und Binnengewässern mit Plastik fällt mittlerweile sogar vier- bis 23-mal so hoch aus wie diejenige der Meere.[11] Neben plötzlichen politischen Maßnahmen müssen Unternehmen daher auch mögliche Klagen und Rechtsstreitigkeiten einkalkulieren. Investierende haben somit allein aus einer finanziellen Risikoperspektive ein Interesse daran, das Plastikproblem in ihren Anlagestrategien zu berücksichtigen.
Worauf Anleger bei nachhaltigen Fonds mit Blick auf Plastik achten sollten:
Fossiler Ausschluss: Werden die Rohstofflieferanten der Plastikindustrie – also Öl- und Gasunternehmen – konsequent aus dem Portfolio ausgeschlossen?
Konsumgüter-Filter: Werden auch die Verpackungsverursacher wie Coca-Cola oder PepsiCo qualitativ bewertet?
Aktive Dialogstrategien: Werden Stimmrechte genutzt, um Einwegverpackungen zu reduzieren?
Transformationspfade: Investiert der Fonds in Unternehmen, die auf Kreislaufwirtschaft und Biomasse setzen?
Transparenz: Werden Datenlücken entlang der Wertschöpfungskette aktiv adressiert?
Unzureichende Datenbasis als strukturelles Problem
Dabei sind Investierende auf verlässliche Informationen angewiesen. Nachhaltigkeits-Rating-Agenturen fällt damit eine wichtige Rolle zu – doch sie decken das Kunststoffthema bislang unzureichend ab, wie eine Analyse der deutschen NGO Facing Finance ergab. Informationen zu Treibhausgas-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette gibt es kaum. Eine kritische Bestandsaufnahme von Umfang, Machbarkeit und Wirksamkeit der Plastikreduktionsziele von Unternehmen kommt zu kurz. Gesundheitliche Risiken werden meist nur rudimentär adressiert, Daten zu sozialen Auswirkungen fehlen gänzlich.
Die Rolle des Finanzsektors für den Wandel hin zu Zero Waste
Facing Finance fordert daher eine umfassendere und transparentere Berücksichtigung kunststoffbezogener Aspekte durch Nachhaltigkeits-Rating-Agenturen. Denn der Finanzsektor spielt eine zentrale Rolle beim Übergang zu einer Zero-Waste-Wirtschaft.
Die Plastikverschmutzung ist nicht nur ein Umwelt- und Klimaproblem, sondern eine umfassende soziale und ökonomische Herausforderung. Sie erfordert konsequentes und koordiniertes Handeln auf politischer, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene. Der Finanzsektor kann dabei eine Schlüsselrolle einnehmen – durch verantwortungsvolle Investitionsentscheidungen, den Druck auf Unternehmen zur Umstellung auf nachhaltige Praktiken und die Unterstützung von Innovationen im Bereich der Kreislaufwirtschaft. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, ob eine Einigung zur Plastikkonvention erzielt werden kann. Profitieren würden wir alle.
Ethius Invest im August 2025, überarbeitet: Juni 2026
[1] Vgl. 2025 ICCR Proxy Resolutions and Voting Guide, Seite 103.
[2] Vgl. https://www.boell.de/sites/default/files/2022-01/Boell_Plastikatlas%202019%206.Auflage_V01_kommentierbar.pdf, Seite 18f.
[3] https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/coca-cola-erneut-groesster-plastikverschmutzer/
[4] 2025 Proxy Resolutions and Voting Guide, Seite 94: https://www.iccr.org/reports/2025-iccr-proxy-resolutions-and-voting-guide/
[8] https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/plastik-weltweit-weniger-als-zehn-prozent-recycling-100.html und https://de.statista.com/themen/4645/plastikmuell/#:~:text=In%20den%20EU%2DL%C3%A4ndern%20entstehen,Pro%2DKopf%20%C3%BCber%20dem%20Durchschnitt.
[11] https://www.leibniz-gemeinschaft.de/fileadmin/user_upload/Bilder_und_Downloads/Neues/Mediathek/Publikationen/Magazin/2018_Genuss/leib_mag_08_web_komprimiert.pdf


